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Leben - Sünde

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Leben - Sünde
© #beziehungsweise

Die Kampagne stellt die Feste des Christentums und des Judentums in den Mittelpunkt, bei denen die Verwurzelung des Christentums im Judentum ganz besonders deutlich wird:

  • Purim und Karneval
  • Umkehr und Antisemitismus
  • Schabbat und Sonntag
  • Namensgebung und Namenstag
  • Pessach und Ostern
  • Brit Milah und Taufe
  • Bar Mizwa und Firmung
  • Schawuot und Pfingsten
  • Sukkot und Erntedank
  • Jom Kippur und Buße
  • Sachor und 9. November
  • Chanukka und Weihnachten

Die Kampagne, die im Januar startete (das Bistum Limburg, die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau, die Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck in Zusammenarbeit mit dem Landesverband der jüdischen Gemeinden in Hessen nehmen teil; mittlerweile haben auch die Deutsche Bischofskonferenz und Evangelische Kirche in Deutschland  die Idee aufgegriffen) und als Beitrag zum Festjahr „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ gedacht ist, soll Hintergrundwissen liefern und so Vorurteile abbauen. Das gelingt am besten, indem Gemeinsamkeiten unterstrichen werden.

Hier der link zur Website der Kampagne #jüdisch beziehungsweise christlich

Auf unserer Homepage werden in regelmäßigen Abständen jüdische und christliche Feste vorgestellt und nebeneinander gestellt.

Am Anfang aber war das Wort.....

 

B´reschit beziehungsweise Im Anfang

Freude am Wort Gottes: B´reschit beziehungsweise Im Anfang

Eine jüdische Stimme

Im Judentum stellt die Torah den Kern von Gottes Offenbarung am Sinai dar. Der Text der Fünf Bücher Mose ist in 54 Abschnitte eingeteilt, so dass jede Woche etwa drei bis fünf Kapitel gelesen werden (an manchen Schabbatot auch ein Doppelabschnitt). Ihren Titel beziehen diese Wochenabschnitte von einem markanten Wort im Anfangsvers dieser Lesung, das auch dem jeweiligen Schabbat seinen Namen gibt. Einmal im Jahr wird die gesamte Torah durchgelesen und dabei kein Vers, kein Wort, kein Buchstabe beim Vortrag ausgelassen – so unbequem oder bedeutungslos uns auch manche Geschichte erscheinen mag. Das zwingt dazu, sich auch mit schwierigen Texten auseinanderzusetzen.

Jedes Jahr im Herbst feiern Jüdinnen und Juden das Fest der Torahfreude, Simchat Torah. Dann endet der jährliche Lesezyklus der Torah und beginnt sogleich wieder aufs Neue. Dieser Gottesdienst wird in der Synagoge in großer Fröhlichkeit gefeiert: Alle Torahrollen werden aus dem Aron Hakodesch geholt und in sieben Prozessionen durch die Synagoge getragen. Man trägt den letzten Abschnitt aus Deut 33-34 vor und fängt dann gleich wieder mit dem ersten Kapitel Gen 1 an: „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde“.

Rabbinerin Dr.in Ulrike Offenberg

Eine christliche Stimme

Die Bibel enthält „Gottes Wort im Menschenwort“. Jedes Menschenwort in der Bibel ist göttlich inspiriert ist bei seiner Entstehung und kann als Gottes Wort heute und für mich oder für uns wirken.

In christlichen Gottesdiensten wird sehr selten eine Vollbibel verwendet. Die biblischen Textabschnitte, die vorgetragen werden, sind im mehrbändigen Lektionar abgedruckt. Manchmal können für die Lesung aus den Evangelien zusätzlich kostbare Evangeliare vorhanden sein.

Diese Bücher können liturgisch verehrt werden, durch Prozessionen, Küssen, Weihrauch und Kerzen.

In Deutschland gibt es die Besonderheit des Ökumenischen Bibelsonntags, der immer Ende Januar in großer ökumenischer Verbundenheit gefeiert wird.

Bei der Auslegung des Bibeltextes ergänzen sich wissenschaftliche, liturgische, pastorale und individuelle Zugänge. Die Bibel inspiriert uns, denn „… in ihrem Innern (= der Bibel) hallt das Lachen des Menschen wider und fließen die Tränen, so wie sich das Gebet der Unglücklichen und der Jubel der Verliebten erhebt.“ (Schlussdokument der röm. Bischofssynode „Das Wort Gottes im Leben und in der Sendung der Kirche, Nr. 5 (2008).

Dr. Katrin Brockmöller, Direktorin Katholisches Bibelwerk e.V.

Umkehren zum Leben beziehungsweise Antisemitismus ist Sünde

Eine jüdische Stimme

Antisemitismus hatte und hat mörderische Folgen, und selbst seine „milderen“ Varianten vergiften das Leben. Die religiös, rassisch oder politisch begründete Abwertung des Judentums fordert die jüdische Gemeinschaft zu allen Zeiten zu Antworten heraus. Manche Jüdinnen und Juden versuchten den Demütigungen zu entgehen, indem sie möglichst wenig als solche erkennbar sind und sich an die Umgebung assimilieren. Am anderen Ende des Spektrums finden sich jene, die diese Bemühungen als aussichtslos verwarfen und die Errichtung eines eigenen Gemeinwesens erstrebten, in dem Judenhass keine Chance mehr haben würde. Jüdische Gegenwehr äußerte sich auch in vielfältigen Formen von Aufklärung, Apologetik und Entkräftung antisemitischer Anwürfe. Der Verunsicherung von außen wurde Stolz auf die eigene Kultur, Religion und Geschichte entgegengesetzt. Nur wenige ließen sich beeindrucken von christlichen Missionierungsversuchen, gleich ob sie als Zwang oder in vermeintlicher Liebe vorgetragen wurden.

Rabbinerin Dr.in Ulrike Offenberg

s.u. die PDF Jüdische Stimme Langfom

Eine christliche Stimme

"Der Antisemitismus hat .... seinen Sitz .... in einem bösen Herzen.“

(Peter von der Osten-Sacken)

Das vorangestellte Zitat eines der Großen im jüdisch-christlichen Dialog verweist darauf, dass es sich hier um eine theologisch begründete Reflexion zum Antisemitismus handelt. Es geht mithin nicht um die gesellschaftlich-politische Analyse des Antisemitismus, der in den letzten Jahren auch in Deutschland immer unverhohlener seine Fratze zeigt und Jüdinnen und Juden existentiell und damit die gesamte demokratische Kultur und Gesellschaft bedroht. Diesen Antisemitismus zu bekämpfen ist Aufgabe dieser Gesellschaft, und zwar nicht nur aus Verantwortung vor der Geschichte und aus Solidarität, sondern auch aus der Einsicht, dass da, wo er obsiegt, keine menschenwürdige Existenz mehr möglich ist.

Die anders fundierte Rede vom Antisemitismus unterscheidet sich nicht zuletzt dadurch, dass ihr die distanzierte abstrakte Redeform nur begrenzt möglich ist. Gewiss ist es durchführbar, den Antisemitismus als ein Phänomen der Kirchengeschichte zu beschreiben, das je unterschiedlich Theologie und Kirche beeinflusste, aber selbst in diesem Kontext kann nicht davon abgesehen werden, dass Sünde getan wird, es also Akteure der Sünde gibt. Wenn man vom Antisemitismus spricht, kann man von den Antisemiten nicht schweigen. Ihre Haltung und Tun müssen als Sünde benannt werden, weil sie eine Verneinung der Anderen leben, biblisch gesprochen: sie hassen. Sie können sich einreden, ihr Hass wäre beschränkt auf bestimmte Menschen, aber der Antisemitismus ist eine Sünde, die den Menschen zur Gänze erfasst. Es gibt keine guten Antisemiten. Dann noch zu meinen, man könne an den einen wahren Gott glauben, ist nicht einsichtiger als das Reden Kains.

Univ.-Prof. Dr. Rainer Kampling, Geschäftsführender Direktor

Langform Jüdische Stimme

Purim beziehungsweise Karneval

Wir trinken auf das Leben: Purim beziehungsweise Karneval

Eine jüdische Stimme

Kleine und große Clowns, Ritter, Prinzessinnen, Monster, Hexen, Zebras, Hasen und andere phantasievoll gekleidete Gestalten haben sich in der Synagoge versammelt, machen Krach mittels Rasseln, trampeln mit den Füßen, pfeifen und bringen „Buh“-Rufe aus. Und all das bei der Verlesung eines biblischen Buches?? Purim ist das Lieblingsfest jüdischer Kinder, denn sie dürfen sich nach Herzenslust verkleiden und brauchen mal nicht ruhig zu sitzen, weil der Lärm sogar Teil der Liturgie ist. Wann immer der Übeltäter Haman genannt wird, bricht ein enormer Krach aus, um dessen Namen auszulöschen. Die Leute rasseln, stampfen und lachen – nur mühsam beruhigt sich die Gemeinde wieder, um die Lesung fortsetzen zu können.

Es sieht aus wie Fasching, es klingt wie Karneval – aber der Anlass für das ungestüme Treiben ist ein sehr ernster. Das biblische Esther-Buch erzählt vom Leben der Juden in Persien, im Reich von König Achaschwerosch, der „über 127 Provinzen, von Indien bis Äthiopien“ regierte. Am Ende eines halbjährigen Gelages verstößt er seine Ehefrau und Königin Waschti, weil sie sich weigert, für seine betrunkenen Gäste zu tanzen. Nach einer aufwändigen „Miss-Wahl“ erkor er die Jüdin Esther zu seiner neuen Frau, weiß aber nichts von ihrer Herkunft, denn auf Geheiß ihres Onkels Mordechai verschweigt sie diese. Die Geschichte beginnt wie ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht, aber schon bald fällt ein schwerer Schatten auf die Juden des persischen Großreichs. Des Königs Premierminister, Haman, ist ein geltungssüchtiger und machtgieriger Mann, der sich zutiefst gekränkt fühlt, weil der Jude Mordechai nicht vor ihm niederkniet. Er sinnt auf Rache und beschließt, „zu vertilgen, zu würgen und zu vernichten alle Juden, von jung bis alt, Kinder und Frauen an einem Tag (…) und ihre Habe zu plündern“ (Esth 3, 13). Das Los („Pur“) bestimmt den 13. Adar als den für dieses Massaker vorgesehenen Tag.

Als Mordechai Königin Esther auf dieses mörderische Vorhaben aufmerksam macht, zögert sie zunächst: Was kann sie als Frau schon ausrichten? Aber sie fasst sich ein Herz und schmiedet einen Plan, mit dessen Hilfe sie Haman zu Fall bringt. Am für Mordechai vorgesehenen Galgen wird nun er selbst hängen. Die Gefahr ist abgewendet: Die Juden sind gerettet, zum neuen Premierminister wird Mordechai ernannt, Esthers Zugehörigkeit zum jüdischen Volk ist nun allen bekannt. Gegen Ende des Esther-Buches wird angeordnet, fortan den 14. und den 15. Adar zu feiern als „Tage, an denen die Juden Ruhe fanden vor ihren Feinden, und zu halten den Monat, der sich ihnen verwandelte von Unglück in Freude, von Trauer zu einem Feiertag, als Tage des Festgelages und der Freude, einander Gaben zu schicken und den Bedürftigen Geschenke“ (Esth 9, 20-22).

Es kommt beim Purim-Fest nicht darauf an, ob die Esther-Rolle von historischen Ereignissen berichtet oder eher eine fiktive Erzählung ist. Gleich ob die Geschichte echt ist oder literarisch – sie widerspiegelt wahre Begebenheiten, nämlich die jahrtausendelange jüdische Erfahrung der Schutzlosigkeit inmitten anderer Völker und der Abhängigkeit von Launen lokaler Herrscher, die – sobald ihre Begehrlichkeiten nicht erfüllt wurden – zu blutigen Pogromen aufriefen. Kein Wunder, dass der seltene Erfolg im Abwenden von Massakern und Vertreibung gebührend gefeiert wird. Die zentrale antisemitische Vorhaltung, dass Juden nicht dazu gehören und wegen ihres Festhaltens an eigener Kultur und Religion der Illoyalität verdächtigt werden, findet sich schon in den Worten des Judenhassers Haman:

„Da ist ein Volk, zerstreut und versprengt unter die Völker in allen Landschaften deines Königreichs, deren Gesetze verschieden sind von denen anderer Völker; die Gesetze des Königs tun sie nicht und dem König bringt es nichts, sie gewähren zu lassen“ (Esth 3, 8).

Bereits im biblischen Buch werden die vier wesentlichen Purim-Bräuche festgelegt:

  1. Das Verlesen der Esther-Rolle,
  2. Das Abhalten einer Festmahlzeit,
  3. Das Senden von Gaben an Freunde und Nächste,
  4. Das Geben von Geschenken an Arme.

Es ist üblich, einander Süßigkeiten und selbst zubereitete Speisen zu schenken. Das typische Gebäck für Purim sind die „Haman-Taschen“ oder „Haman-Ohren“, dreieckige, mit Mohn, Datteln oder Marmelade gefüllte Kekse. Bedürftige Menschen werden mit Lebensmitteln oder mit Geld bedacht, damit auch sie sich Festmahlzeiten leisten können. Und warum heißt es „Esther-Rolle“? Weil der Text des Esther-Buchs aus einer auf Pergament handgeschriebenen Rolle (Megillah), ähnlich einer Torah-Rolle, vorgetragen wird. Wann immer bei der Verlesung der Name „Haman“ genannt wird, ertönt ohrenbetäubender Lärm.

Aber was hat es mit dem Verkleiden auf sich? Dieser Brauch ist noch nicht in der Bibel erwähnt, sondern offensichtlich von den katholischen Nachbarn in Europa abgeschaut. In Israel gibt es heute mancherorts auch Festtagsumzüge mit geschmückten Karnevalswagen, Tanzgruppen und Kapellen. In Synagogen und Schulen werden spaßige Lehrvorträge von „Purim-Rabbinern“ gehalten, ähnlich den Büttenreden. Das faschingsartige Treiben passt aber gut zu der Maxime des Purim-Festes, an diesem Tag verkehrte Welt zu spielen. Dazu gehört auch der übermäßige Konsum von Alkohol, bis man so betrunken ist, dass man nicht mehr zwischen Haman, dem Übeltäter, und Mordechai, dem positiven Held der Geschichte, unterscheiden kann. Die tiefe Wahrheit dahinter ist, dass die gesellschaftliche Ordnung nicht so bleiben muss, wie sie ist: Wer einst zu den Oberen gehörte, wird gestürzt; die Niederen werden erhöht. Und auch die Grenzen zwischen Gut und Böse sind oftmals gar nicht so eindeutig, wie wir es gern hätten. Mit Hilfe der Masken und Kostüme verwischen wir Identitäten und Fremdzuschreibungen.

All die Ausgelassenheiten von Purim können nicht verdecken, dass das Fest einen ernsten Hintergrund hat. Es wird ein triumphaler Sieg über den Antisemitismus gefeiert – wohlwissend, dass historisch viel zu selten dem mörderischen Judenhass Einhalt geboten wurde. Wir aber bekräftigen dabei unsere Zugehörigkeit zum Judentum und geben uns einmal im Jahr der Illusion hin, dass mit der Bestrafung einzelner Täter auch der Antisemitismus beseitigt wäre.

Rabbinerin Dr.in Ulrike Offenberg

 

Eine christliche Stimme

Dass die Zeit des Karneval in den Rahmen des christlichen Kirchenjahres eingespannt ist, merkt man den Tagen der „verkehrten Welt“ am Rhein, im alemannischen Süddeutschland und der Schweiz, in Venedig oder auch in Rio nicht unmittelbar an. In Köln z.B., einer Hochburg des rheinischen Karnevals, gilt aber nach wie vor das Motto „Fastelovend und Kirche gehören fest zusammen“. Anfang Januar, wenn die „Session“ mit den zahllosen Sitzungen des Saalkarneval beginnt, findet ein festlicher Gottesdienst im Dom statt. Die Karnevalsvereine der Stadt nehmen mit ihren Fahnen und in bunten Kostümen daran teil, und der Domorganist zieht das Register „Loss Jon“ (=lass gehen; los geht‘s) an der Schwalbennestorgel. Dadurch wird ein Mechanismus ausgelöst, der das Karnevalslied „Am Dom zu Kölle“ erklingen lässt und eine Klappe unter dem Pfeifenprospekt öffnet, durch die ein Kopf mit Narrenkappe lugt.

Was aber macht ein Narr im christlichen Gotteshaus; wie gehören Karneval und das Kirchenjahr zusammen? Traditionell verzichteten Christen und Christinnen in den vierzig Tagen vor Ostern auf den Genuss von Fleisch und schränkten auch sonst ihr gewohntes Leben ein. Die Karnevalstage liegen unmittelbar vor dieser auch heute noch so genannten Fastenzeit. An Karneval sagte man gewissermaßen „dem Fleisch Lebwohl“ (carne vale). Nach einer anderen, wohl wissenschaftlich genaueren Erklärung ist Karneval der Moment, wo das „Fleisch weggenommen“ wird (carnis levamen). An Karneval durfte man aber auch die Welt auf den Kopf stellen. Von derartigen Bräuchen haben wir Quellen seit dem Mittelalter. Spott auf die Herrschenden in Staat und Kirche, aber auch auf die oft starren Ordnungen in Gesellschaft und Familie äußerte sich in derben Theaterspielen. Ausgiebig wurde getanzt und dem Alkohol zugesprochen. Es kamen noch einmal fette Speisen auf den Tisch. Von daher stammt die schwäbisch-alemannische Bezeichnung „schmotziger Dunschtig“ / schmalziger Donnerstag für den Donnerstag vor dem Karnevalssonntag. Auch in Venedig kennt man den „giovedi grasso“, den fetten Donnerstag, und im Französischen heißt der letzte Tag der Karnevalszeit „mardi gras“ / fetter Dienstag.

Mit dem Aschermittwoch beginnt die Fastenzeit. Bezeichnungen wie das rheinische „Fastelovend“ (Fast-Abend) oder auch „Fastnacht“ für den Karneval erinnern daran, dass diese tollen Tage eine Art Schwelle oder Übergang darstellen zwischen dem Leben des Alltags und der Zeit der Vorbereitung auf das Fest der Auferstehung Christi. Den Reformatoren des 16. Jahrhunderts ging die verkehrte Welt dieser Tage mit ihren Ausschweifungen zu weit, weswegen sie dagegen predigten. So erklärt es sich, dass Fastnachtsbräuche vor allem in traditionell katholischen Gebieten gepflegt werden. Und manche Karnevalslieder in Köln haben nicht nur allgemein religiöse Themen, sondern greifen tief in das Repertoire spezifisch katholischer Motive. Die Ausgestaltung der „tollen Tage“ hat ihre heutigen Formen allerdings erst ab dem frühen 19. Jahrhundert gewonnen. Der alemannische „Mummenschanz“ mit seinen grotesken Masken und dem unheimlichen Trommeln und Rasseln scheint dabei wohl gegen die feinere, bürgerliche Fastnacht am Rhein wiederbelebt worden zu sein und erinnert eher an das Austreiben der Wintergeister als an christliche Ursprünge.

Fast-Nacht als Bezeichnung der Tage vor der Fasten-Zeit bringt den Karneval in Beziehung zu einer Zeit des bewusst gewählten Verzichts. In der christlichen Tradition wurde dies als sichtbarer und spürbarer Ausdruck einer Gesinnung betrachtet, die sich vor Gott als Sünder sah und Buße tat. Auch heute können Christinnen und Christen diese Zeit individuell nutzen, um ihr Leben, auch und gerade vor Gottes Angesicht, kritisch zu überprüfen und ihm vielleicht neue Ausrichtungen zu geben. In manchen christlichen Gemeinden wird in der Fastenzeit vermehrt ein ökologisches Engagement angestoßen, und der Blick richtet sich verstärkt auf Not und Ungerechtigkeiten vor der eigenen Haustür, aber auch weltweit.

Der Karneval mit seiner Einbindung ins Kirchenjahr lebte lange aus der selbstverständlichen öffentlich-gesellschaftlichen Präsenz des Christentums mit seinen Riten, Bräuchen und Vorschriften. Gegenwärtig hat er sich ein ganzes Stückweit von dieser traditionellen Beziehung abgelöst und steht als Zeit der „verkehrten Welt“ in sich. Wer in ein Kostüm schlüpft, kann neue Rollen, eine neue Haut ausprobieren, die im gewöhnlichen Alltag nicht zum Tragen kommt. Mit ihrer eigenen Dynamik der „tollen Tage“ ist die Karnevalszeit Ausdruck unbändiger Lebensfreude. Dazu kommt ein kritischer Akzent: Narren an den Fürstenhöfen durften und sollten den Herrschenden den Spiegel vorhalten; Narren bei der Büttenrede schonen weder die Einflussreichen in der Politik noch die Würdenträger in den Kirchen. So gesehen hat der Karneval auch utopische Momente: dass das Leben mit seinen oft harten Begrenzungen und Ungerechtigkeiten nicht alles ist; dass die Herrschaft der Herren auch angezweifelt werden kann.

Die feste Einbindung des Karneval ins christliche Kirchenjahr war mitverantwortlich dafür, dass antijüdische Ressentiments gegen das Purimfest nicht nur in der Nazipropaganda, sondern auch auf christlicher Grundlage gedeihen und zum Ausbruch kommen konnten. Die „verkehrte Welt“ hatte sich selbstverständlich nach dem christlichen Festkalender zu richten – und Purim fällt meistens in die Fastenzeit, also die Zeit des christlichen Verbots von Festen, Feiern und Fröhlichkeit. Christen nahmen Anstoß am Tanzabend der Juden zu Purim, und wenn Purim und Karfreitag auf das gleiche Datum fielen, konnten sich die antijüdischen Ausschreitungen der Christen am Tag der Kreuzigung Jesu noch zusätzlich aus der Wut nähren, dass Juden keinen Respekt vor den christlichen Ordnungen kennen. Auch heute ist ein Zusammentreffen von Karfreitag und Purim nicht problemlos: die Bundesrepublik Deutschland kennt gesetzlich verankerte sogenannte „stille Tage“ mit dem Verbot öffentlicher Vergnügungen, Tage, die sich mit Ausnahme des Volkstrauertages ausschließlich am christlichen Kalender orientieren, allen voran der Heilige Abend (24.12.) und der Karfreitag. Im Jahr 2016, als wieder einmal Karfreitag und Purim zusammenfielen, konnte der jüdische Studentenverband München immerhin eine Purimparty organisieren – mit einer Sondergeneh­migung der Stadtverwaltung.

Gegenwärtig wird vielerorts der Karneval als Projekt verstanden, an dem ganz praktisch die Bürgerinnen und Bürger einer Gemeinde oder Stadt zusammen feiern. Im Düsseldorfer Rosenmontagszug 2019 und 2020 fuhr der „Toleranzwagen“ mit, der einen katholischen Pastor, eine evangelische Pfarrerin, einen Rabbiner und einen Imam zeigte, alle mit roter Pappnase und der Geste des „Helau“. Die Ursprungsidee war von der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf ausgegangen.

Marie-Theres Wacker

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