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Pessach beziehungsweise Ostern

Pessach beziehungsweise Ostern
Pessach beziehungsweise Ostern
© #beziehungsweise

Die Kampagne stellt die Feste des Christentums und des Judentums in den Mittelpunkt, bei denen die Verwurzelung des Christentums im Judentum ganz besonders deutlich wird:

  • Purim und Karneval
  • Umkehr und Antisemitismus
  • Schabbat und Sonntag
  • Namensgebung und Namenstag
  • Pessach und Ostern
  • Brit Milah und Taufe
  • Bar Mizwa und Firmung
  • Schawuot und Pfingsten
  • Sukkot und Erntedank
  • Jom Kippur und Buße
  • Sachor und 9. November
  • Chanukka und Weihnachten

Die Kampagne, die im Januar startete (das Bistum Limburg, die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau, die Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck in Zusammenarbeit mit dem Landesverband der jüdischen Gemeinden in Hessen nehmen teil; mittlerweile haben auch die Deutsche Bischofskonferenz und Evangelische Kirche in Deutschland  die Idee aufgegriffen) und als Beitrag zum Festjahr „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ gedacht ist, soll Hintergrundwissen liefern und so Vorurteile abbauen. Das gelingt am besten, indem Gemeinsamkeiten unterstrichen werden.

Hier der link zur Website der Kampagne #jüdisch beziehungsweise christlich

Auf unserer Homepage werden in regelmäßigen Abständen jüdische und christliche Feste vorgestellt und nebeneinander gestellt.

Am Anfang aber war das Wort.....

 

B´reschit beziehungsweise Im Anfang

Freude am Wort Gottes: B´reschit beziehungsweise Im Anfang

Eine jüdische Stimme

Im Judentum stellt die Torah den Kern von Gottes Offenbarung am Sinai dar. Der Text der Fünf Bücher Mose ist in 54 Abschnitte eingeteilt, so dass jede Woche etwa drei bis fünf Kapitel gelesen werden (an manchen Schabbatot auch ein Doppelabschnitt). Ihren Titel beziehen diese Wochenabschnitte von einem markanten Wort im Anfangsvers dieser Lesung, das auch dem jeweiligen Schabbat seinen Namen gibt. Einmal im Jahr wird die gesamte Torah durchgelesen und dabei kein Vers, kein Wort, kein Buchstabe beim Vortrag ausgelassen – so unbequem oder bedeutungslos uns auch manche Geschichte erscheinen mag. Das zwingt dazu, sich auch mit schwierigen Texten auseinanderzusetzen.

Jedes Jahr im Herbst feiern Jüdinnen und Juden das Fest der Torahfreude, Simchat Torah. Dann endet der jährliche Lesezyklus der Torah und beginnt sogleich wieder aufs Neue. Dieser Gottesdienst wird in der Synagoge in großer Fröhlichkeit gefeiert: Alle Torahrollen werden aus dem Aron Hakodesch geholt und in sieben Prozessionen durch die Synagoge getragen. Man trägt den letzten Abschnitt aus Deut 33-34 vor und fängt dann gleich wieder mit dem ersten Kapitel Gen 1 an: „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde“.

Rabbinerin Dr.in Ulrike Offenberg

Eine christliche Stimme

Die Bibel enthält „Gottes Wort im Menschenwort“. Jedes Menschenwort in der Bibel ist göttlich inspiriert ist bei seiner Entstehung und kann als Gottes Wort heute und für mich oder für uns wirken.

In christlichen Gottesdiensten wird sehr selten eine Vollbibel verwendet. Die biblischen Textabschnitte, die vorgetragen werden, sind im mehrbändigen Lektionar abgedruckt. Manchmal können für die Lesung aus den Evangelien zusätzlich kostbare Evangeliare vorhanden sein.

Diese Bücher können liturgisch verehrt werden, durch Prozessionen, Küssen, Weihrauch und Kerzen.

In Deutschland gibt es die Besonderheit des Ökumenischen Bibelsonntags, der immer Ende Januar in großer ökumenischer Verbundenheit gefeiert wird.

Bei der Auslegung des Bibeltextes ergänzen sich wissenschaftliche, liturgische, pastorale und individuelle Zugänge. Die Bibel inspiriert uns, denn „… in ihrem Innern (= der Bibel) hallt das Lachen des Menschen wider und fließen die Tränen, so wie sich das Gebet der Unglücklichen und der Jubel der Verliebten erhebt.“ (Schlussdokument der röm. Bischofssynode „Das Wort Gottes im Leben und in der Sendung der Kirche, Nr. 5 (2008).

Dr. Katrin Brockmöller, Direktorin Katholisches Bibelwerk e.V.

Frei von Sklaverei und Tod: Pessach beziehungsweise Ostern.

Eine jüdische Stimme

Pessach hat vier Namen: Es ist das „Frühlingsfest“, weil Pessach immer im Frühlingsmonat Nissan begangen wird. Es ist das „Fest der Matzah“, denn für die Pessachwoche werden Brot und alle Getreideprodukte (Mehl, Kuchen, Nudeln usw.) aus dem Haushalt verbannt. Stattdessen wird das „Ungesäuerte Brot“, die Matzah, und aus Matzemehl hergestellte Teigwaren gegessen. Es ist das „Überschreitungsfest“ (so die wörtliche Bedeutung von „Pessach“), weil der Todesengel die Häuser des Israeliten ausließ. Aber am markantesten erfasst wohl die Bezeichnung „Fest der Freiheit“ den Inhalt des einwöchigen Feiertags.

rn wir den Auszug Israels aus der Sklaverei Ägyptens. In Erinnerung an diesen Befreiungsakt Gottes begehen wir eine Woche lang ein Fest, das bei religiösen wie bei säkularen Juden so tief verankert ist wie wohl kein anderes Datum des jüdischen Kalenders. Schon Wochen zuvor beginnen die Festtagsvorbereitungen: Die Wohnung wird gründlich geputzt und alle Lebensmittel, die etwas von den fünf Getreidearten Weizen, Gerste, Roggen, Hafer oder Dinkel enthalten, werden aussortiert. Alle Orte, an denen sich auch nur Überreste davon finden könnten, werden gereinigt, sogar Kekskrümel aus Büchern geschüttelt oder das Auto staubgesaugt. Viele Familien benutzen auch ein eigenes Pessach-Geschirr, um jegliche Getreiderückstände („Chametz“ genannt) zu vermeiden. Am Abend vor dem Festbeginn wird die Wohnung nach letzten Überresten von Chametz durchsucht. Doch während der Feiertage leidet niemand Mangel – statt Brot gibt es ja Matzah, und außerdem hat die jüdische Küche eine große Vielfalt von regional verschiedenen Pessachrezepten entwickelt, die auf phantasievolle Weise die ausgesonderten Lebensmittel ersetzen. Während diese Umstellung der Essgewohnheiten das Pessachfest spürbar prägen, liegt doch sein Hauptinhalt im Thema der Befreiung.

Es geht um die Erinnerung an die Leiden Israels in der Knechtschaft und um die Würdigung des Aufbruchs in die Freiheit, der mit Hilfe Gottes gelang. Aber im Mittelpunkt steht nicht das einfache Nacherzählen der damaligen Erlebnisse der Israeliten, sondern die Vergegenwärtigung der Befreiungserfahrung: „In jeder Generation ist jede/r verpflichtet, sich so zu betrachten, also ob er/sie selbst aus Ägypten ausgezogen wäre“. Nicht von außen, zeitlich und räumlich entfernt von den Ereignissen, soll der Auszug aus Ägypten betrachtet werden, sondern als ob man selbst Teil davon war. Jede/r soll die Erfahrung der Befreiung selbst empfinden können und sich selbst als ein Teil des Volkes Israel begreifen.

Das zentrale Gebot lautet, davon den Kindern zu erzählen, um auch ihnen diese Identifikation mit der Geschichte Israels zu ermöglichen. So beginnt das einwöchige Pessachfest mit dem Sederabend – Familie und Freunde oder auch die Gemeindemitglieder versammeln sich zu einem Festmahl, das einer bestimmten Ordnung („Seder“) folgt. Strukturiert wird diese durch die Haggadah („Erzählung“), einer Kompilation von Texten aus der Bibel, aus rabbinischer und mittelalterlicher Literatur, die vom Weg Israels nach Ägypten und von seiner dortigen Unterdrückung handeln und berichten, wie Gott sie mit „starkem Arm und ausgestreckter Hand“ von dort herausführte und errettete. Die Erzählung wird auch sinnlich erfahrbar durch verschiedene symbolische Speisen, die auf dem Sederteller angeordnet sind: Bitterkräuter stehen für das bittere Los der Sklaverei, ein braunes Mus aus Äpfeln und Nüssen erinnert an die Lehmziegel, die in der Zwangsarbeit hergestellt werden mussten, Salzwasser symbolisiert die von den Israeliten vergossenen Tränen. Die Matzah ist das ungesäuerte „Brot der Armut“, das die Israeliten als eilig zubereitete Wegzehrung mitnahmen. Über den langen Abend hinweg werden auch vier Gläser Wein oder Traubensaft getrunken, die einzelne Stufen des Erlösungsprozesses markieren.

Den Auftakt zur Erzählung vom Auszug aus Ägypten geben vier, von Kindern gestellte Fragen, die auf die sichtbaren Unterschiede des Sederabends zu einem gewöhnlichen Familienmahl hinweisen und sich nach deren Grund erkundigen. Als Antwort darauf soll nicht nur der traditionelle Text der Haggadah vorgelesen werden, sondern die Erwachsenen sollen ihn anreichern durch eigene Erläuterungen, Auslegungen und persönliche Erfahrungen von Knechtschaft und Befreiung. Lieder, Spiele und ein üppiges Mahl halten Jung und Alt wach. Das Zelebrieren von historischer Vergegenwärtigung, das sinnliche Lernen vermittels essbarer Symbole, das gesellige Beisammensein mehrerer Generationen und ihre Erzählungen hinterlassen bei allen Anwesenden einen tiefen Eindruck und bleibende Erinnerungen. Die Bedeutung des Sederabends für die Weitergabe und Stärkung jüdischer Identität kann kaum überschätzt werden.

Während der Sederabend traditionell ein Familienfest ist, wird er in den meisten jüdischen Gemeinden Deutschlands auch als Gemeindeseder gefeiert. Historisch bedingt gibt es nur wenige jüdische Familien, die mehrere Generationen umfassen, und viele der Zuwanderer haben erst im Erwachsenenalter ihren ersten Seder erlebt. Die Erfahrung von Exodus und Aufbruch in die Freiheit gehört jedoch zu den Biographien der meisten Gemeindemitglieder, besonders jener, die aus der früheren Sowjetunion und aus anderen Staaten des ehemaligen Ostblocks eingewandert sind. Pessach handelt also nicht nur von einem mythologischen Geschehen vor mehr als dreitausend Jahren in Ägypten, sondern ist Teil jüdischen Selbstverständnisses hier und heute.

Nach dem Sederabend geht das Pessachfest noch sieben Tage weiter. Die meisten begehen diese Woche vor allem kulinarisch, also durch das Essen von Matzah und besonderen Pessachgerichten. Da Pessach meist in die Zeit der Osterferien fällt, unternehmen viele Ausflüge und Besuche bei Verwandten und Freunden. Liturgisch bedeutsam ist das Gebet um Tau am ersten Tag, das den jahreszeitlichen Charakter von Pessach als Frühlingsfest hervorhebt. Der letzte Tag von Pessach ist wieder ein Vollfeiertag, der des Durchzugs der Israeliten durch das Schilfmeer gedenkt. Im Gottesdienst wird festlich das Schilfmeerlied (Ex 15) vorgetragen. Nach Ausgang des Feiertages zelebrieren manche die Rückkehr zur gewohnten Ernährung mit allen möglichen Getreideprodukten durch demonstrativen Verzehr von Pizza und Bier. Abgenommen hat aber während Pessach bestimmt niemand.

Rabbinerin Dr.in Ulrike Offenberg

 

Eine christliche Stimme

Die Beziehung zwischen Pessach und Ostern lädt zum Nachdenken über die Beziehung von Judentum und Christentum ein. Die beiden Feste finden ungefähr zur selben Zeit (wenn auch nicht am selben Tag) statt. Sie thematisieren Befreiung.

Dabei ist es interessant, wie wenig dem Judentum und Christentum gemeinsame Themen in den Gottesdiensten vorkommen. Die Kerntexte der Synagogenliturgie (Ex 12,21– 51; Jos 3,5–7; 5,2–6,1.27) und der Haggada (Jos 24,2–4; Dtn 6,21; 26,5–8) spielen keine Rolle zu Ostern.

Darin zeigt sich, dass die Feiern der österlichen Tage einer anderen Erzählung folgen als das biblische und das spätere jüdische Pessach. Sie bilden die im Neuen Testament erzählte Geschichte vom Einzug in Jerusalem (Palmsonntag) zum letzten Abendmahl, zur Fußwaschung und dem Gebet am Ölberg (Gründonnerstag), zu Leiden, Tod und Begräbnis (Karfreitag) und schließlich zur Auferstehung Jesu (Karsamstag und Ostersonntag) ab. Die christliche Gemeinde erlebt die letzten Tage Jesu – nicht den Auszug des Volkes Israel aus Ägypten.

Prof. Dr. Clemens Leonhard

 

 

Namensgebung beziehungsweise Namenstag

Eine jüdische Stimme

Das Judentum misst Namen eine große Bedeutung zu, denn sie sind Ausdruck der Zugehörigkeit eines Individuums zu Familien- und Gemeindetraditionen. Außerdem hegen Eltern die Hoffnung, dass sie ihrem Kind mit einem wohlklingenden, beziehungsreichen Namen ein positives Vorzeichen auf seinen Lebensweg mitgeben. Die Namensgebung ist bei Jungen Teil der Beschneidungszeremonie am 8. Lebenstag. Bei Mädchen wird der Name nach der Geburt im Rahmen einer Torahlesung in der Synagoge verkündet. In den letzten Jahrzehnten ist es üblich geworden, auch für Mädchen ein eigenes Ritual der Namensgebung zu feiern. Viele Kinder haben daneben noch einen „bürgerlichen“ Namen, der ihr offizieller Rufname ist.

Bei der Entscheidung für einen Namen werden häufig je nach regionalem Brauch verstorbene oder lebende Familienmitglieder geehrt, die auf diese Weise symbolisch das Kind durch das Leben begleiten. Daneben stehen eine Fülle biblischer Namen zur Auswahl und auch Namen, die Bezüge zum jüdischen Jahreskreis, zur Natur und zu erwünschten Charaktereigenschaften aufweisen. Die Eltern sind Teil des Namens, denn man wird stets als „X, Sohn/Tochter von Y und Z“ aufgerufen.

Rabbinerin Dr.in Ulrike Offenberg

Eine christliche Stimme

„Jetzt aber - so spricht der HERR, der dich erschaffen hat, Jakob, und der dich geformt hat, Israel: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich ausgelöst, ich habe dich beim Namen gerufen, du gehörst mir!“ (Jes 43,1)

Bei der Taufe wird der Ruf, den der Ewige an alle Menschen richtet, als Ruf-Name in die Taufformel eingebunden. Darin drückt sich die Gewissheit aus, dass wir als Menschen vom HERRN bei unserem Namen, der für uns als unverwechselbares Subjekt steht, angesprochen und „ausgelöst“, also erlöst sind.

Wir sind dadurch nicht nur mit dem Schöpfer verbunden, sondern Er auch mit uns. Schließlich wird jedes Kind „auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes“ getauft. Der dreifaltige Gott, der uns im Mutterleib gewoben hat, der unser Innerstes kennt (Ps 139), Er ruft uns beim Namen und wir dürfen Ihn beim Namen rufen. Das Christentum teilt die Überzeugung des Judentums: Der HERR kennt uns und liebt uns. Er schenkt uns einen Namen, damit wir uns zu einer eigenständigen Persönlichkeit entwickeln, aber auch auf seinen Ruf antworten und im Zweifel zu Ihm umkehren.

Fabian Freiseis

Umkehren zum Leben beziehungsweise Antisemitismus ist Sünde

Eine jüdische Stimme

Antisemitismus hatte und hat mörderische Folgen, und selbst seine „milderen“ Varianten vergiften das Leben. Die religiös, rassisch oder politisch begründete Abwertung des Judentums fordert die jüdische Gemeinschaft zu allen Zeiten zu Antworten heraus. Manche Jüdinnen und Juden versuchten den Demütigungen zu entgehen, indem sie möglichst wenig als solche erkennbar sind und sich an die Umgebung assimilieren. Am anderen Ende des Spektrums finden sich jene, die diese Bemühungen als aussichtslos verwarfen und die Errichtung eines eigenen Gemeinwesens erstrebten, in dem Judenhass keine Chance mehr haben würde. Jüdische Gegenwehr äußerte sich auch in vielfältigen Formen von Aufklärung, Apologetik und Entkräftung antisemitischer Anwürfe. Der Verunsicherung von außen wurde Stolz auf die eigene Kultur, Religion und Geschichte entgegengesetzt. Nur wenige ließen sich beeindrucken von christlichen Missionierungsversuchen, gleich ob sie als Zwang oder in vermeintlicher Liebe vorgetragen wurden.

Rabbinerin Dr.in Ulrike Offenberg

s.u. die PDF Jüdische Stimme Langfom

Eine christliche Stimme

"Der Antisemitismus hat .... seinen Sitz .... in einem bösen Herzen.“

(Peter von der Osten-Sacken)

Das vorangestellte Zitat eines der Großen im jüdisch-christlichen Dialog verweist darauf, dass es sich hier um eine theologisch begründete Reflexion zum Antisemitismus handelt. Es geht mithin nicht um die gesellschaftlich-politische Analyse des Antisemitismus, der in den letzten Jahren auch in Deutschland immer unverhohlener seine Fratze zeigt und Jüdinnen und Juden existentiell und damit die gesamte demokratische Kultur und Gesellschaft bedroht. Diesen Antisemitismus zu bekämpfen ist Aufgabe dieser Gesellschaft, und zwar nicht nur aus Verantwortung vor der Geschichte und aus Solidarität, sondern auch aus der Einsicht, dass da, wo er obsiegt, keine menschenwürdige Existenz mehr möglich ist.

Die anders fundierte Rede vom Antisemitismus unterscheidet sich nicht zuletzt dadurch, dass ihr die distanzierte abstrakte Redeform nur begrenzt möglich ist. Gewiss ist es durchführbar, den Antisemitismus als ein Phänomen der Kirchengeschichte zu beschreiben, das je unterschiedlich Theologie und Kirche beeinflusste, aber selbst in diesem Kontext kann nicht davon abgesehen werden, dass Sünde getan wird, es also Akteure der Sünde gibt. Wenn man vom Antisemitismus spricht, kann man von den Antisemiten nicht schweigen. Ihre Haltung und Tun müssen als Sünde benannt werden, weil sie eine Verneinung der Anderen leben, biblisch gesprochen: sie hassen. Sie können sich einreden, ihr Hass wäre beschränkt auf bestimmte Menschen, aber der Antisemitismus ist eine Sünde, die den Menschen zur Gänze erfasst. Es gibt keine guten Antisemiten. Dann noch zu meinen, man könne an den einen wahren Gott glauben, ist nicht einsichtiger als das Reden Kains.

Prof. Dr. Rainer Kampling, Geschäftsführender Direktor, Berlin

Langform Jüdische Stimme

Purim beziehungsweise Karneval

Wir trinken auf das Leben: Purim beziehungsweise Karneval

Eine jüdische Stimme

Kleine und große Clowns, Ritter, Prinzessinnen, Monster, Hexen, Zebras, Hasen und andere phantasievoll gekleidete Gestalten haben sich in der Synagoge versammelt, machen Krach mittels Rasseln, trampeln mit den Füßen, pfeifen und bringen „Buh“-Rufe aus. Und all das bei der Verlesung eines biblischen Buches?? Purim ist das Lieblingsfest jüdischer Kinder, denn sie dürfen sich nach Herzenslust verkleiden und brauchen mal nicht ruhig zu sitzen, weil der Lärm sogar Teil der Liturgie ist. Wann immer der Übeltäter Haman genannt wird, bricht ein enormer Krach aus, um dessen Namen auszulöschen. Die Leute rasseln, stampfen und lachen – nur mühsam beruhigt sich die Gemeinde wieder, um die Lesung fortsetzen zu können.

Es sieht aus wie Fasching, es klingt wie Karneval – aber der Anlass für das ungestüme Treiben ist ein sehr ernster. Das biblische Esther-Buch erzählt vom Leben der Juden in Persien, im Reich von König Achaschwerosch, der „über 127 Provinzen, von Indien bis Äthiopien“ regierte. Am Ende eines halbjährigen Gelages verstößt er seine Ehefrau und Königin Waschti, weil sie sich weigert, für seine betrunkenen Gäste zu tanzen. Nach einer aufwändigen „Miss-Wahl“ erkor er die Jüdin Esther zu seiner neuen Frau, weiß aber nichts von ihrer Herkunft, denn auf Geheiß ihres Onkels Mordechai verschweigt sie diese. Die Geschichte beginnt wie ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht, aber schon bald fällt ein schwerer Schatten auf die Juden des persischen Großreichs. Des Königs Premierminister, Haman, ist ein geltungssüchtiger und machtgieriger Mann, der sich zutiefst gekränkt fühlt, weil der Jude Mordechai nicht vor ihm niederkniet. Er sinnt auf Rache und beschließt, „zu vertilgen, zu würgen und zu vernichten alle Juden, von jung bis alt, Kinder und Frauen an einem Tag (…) und ihre Habe zu plündern“ (Esth 3, 13). Das Los („Pur“) bestimmt den 13. Adar als den für dieses Massaker vorgesehenen Tag.

Als Mordechai Königin Esther auf dieses mörderische Vorhaben aufmerksam macht, zögert sie zunächst: Was kann sie als Frau schon ausrichten? Aber sie fasst sich ein Herz und schmiedet einen Plan, mit dessen Hilfe sie Haman zu Fall bringt. Am für Mordechai vorgesehenen Galgen wird nun er selbst hängen. Die Gefahr ist abgewendet: Die Juden sind gerettet, zum neuen Premierminister wird Mordechai ernannt, Esthers Zugehörigkeit zum jüdischen Volk ist nun allen bekannt. Gegen Ende des Esther-Buches wird angeordnet, fortan den 14. und den 15. Adar zu feiern als „Tage, an denen die Juden Ruhe fanden vor ihren Feinden, und zu halten den Monat, der sich ihnen verwandelte von Unglück in Freude, von Trauer zu einem Feiertag, als Tage des Festgelages und der Freude, einander Gaben zu schicken und den Bedürftigen Geschenke“ (Esth 9, 20-22).

Es kommt beim Purim-Fest nicht darauf an, ob die Esther-Rolle von historischen Ereignissen berichtet oder eher eine fiktive Erzählung ist. Gleich ob die Geschichte echt ist oder literarisch – sie widerspiegelt wahre Begebenheiten, nämlich die jahrtausendelange jüdische Erfahrung der Schutzlosigkeit inmitten anderer Völker und der Abhängigkeit von Launen lokaler Herrscher, die – sobald ihre Begehrlichkeiten nicht erfüllt wurden – zu blutigen Pogromen aufriefen. Kein Wunder, dass der seltene Erfolg im Abwenden von Massakern und Vertreibung gebührend gefeiert wird. Die zentrale antisemitische Vorhaltung, dass Juden nicht dazu gehören und wegen ihres Festhaltens an eigener Kultur und Religion der Illoyalität verdächtigt werden, findet sich schon in den Worten des Judenhassers Haman:

„Da ist ein Volk, zerstreut und versprengt unter die Völker in allen Landschaften deines Königreichs, deren Gesetze verschieden sind von denen anderer Völker; die Gesetze des Königs tun sie nicht und dem König bringt es nichts, sie gewähren zu lassen“ (Esth 3, 8).

Bereits im biblischen Buch werden die vier wesentlichen Purim-Bräuche festgelegt:

  1. Das Verlesen der Esther-Rolle,
  2. Das Abhalten einer Festmahlzeit,
  3. Das Senden von Gaben an Freunde und Nächste,
  4. Das Geben von Geschenken an Arme.

Es ist üblich, einander Süßigkeiten und selbst zubereitete Speisen zu schenken. Das typische Gebäck für Purim sind die „Haman-Taschen“ oder „Haman-Ohren“, dreieckige, mit Mohn, Datteln oder Marmelade gefüllte Kekse. Bedürftige Menschen werden mit Lebensmitteln oder mit Geld bedacht, damit auch sie sich Festmahlzeiten leisten können. Und warum heißt es „Esther-Rolle“? Weil der Text des Esther-Buchs aus einer auf Pergament handgeschriebenen Rolle (Megillah), ähnlich einer Torah-Rolle, vorgetragen wird. Wann immer bei der Verlesung der Name „Haman“ genannt wird, ertönt ohrenbetäubender Lärm.

Aber was hat es mit dem Verkleiden auf sich? Dieser Brauch ist noch nicht in der Bibel erwähnt, sondern offensichtlich von den katholischen Nachbarn in Europa abgeschaut. In Israel gibt es heute mancherorts auch Festtagsumzüge mit geschmückten Karnevalswagen, Tanzgruppen und Kapellen. In Synagogen und Schulen werden spaßige Lehrvorträge von „Purim-Rabbinern“ gehalten, ähnlich den Büttenreden. Das faschingsartige Treiben passt aber gut zu der Maxime des Purim-Festes, an diesem Tag verkehrte Welt zu spielen. Dazu gehört auch der übermäßige Konsum von Alkohol, bis man so betrunken ist, dass man nicht mehr zwischen Haman, dem Übeltäter, und Mordechai, dem positiven Held der Geschichte, unterscheiden kann. Die tiefe Wahrheit dahinter ist, dass die gesellschaftliche Ordnung nicht so bleiben muss, wie sie ist: Wer einst zu den Oberen gehörte, wird gestürzt; die Niederen werden erhöht. Und auch die Grenzen zwischen Gut und Böse sind oftmals gar nicht so eindeutig, wie wir es gern hätten. Mit Hilfe der Masken und Kostüme verwischen wir Identitäten und Fremdzuschreibungen.

All die Ausgelassenheiten von Purim können nicht verdecken, dass das Fest einen ernsten Hintergrund hat. Es wird ein triumphaler Sieg über den Antisemitismus gefeiert – wohlwissend, dass historisch viel zu selten dem mörderischen Judenhass Einhalt geboten wurde. Wir aber bekräftigen dabei unsere Zugehörigkeit zum Judentum und geben uns einmal im Jahr der Illusion hin, dass mit der Bestrafung einzelner Täter auch der Antisemitismus beseitigt wäre.

Rabbinerin Dr.in Ulrike Offenberg

 

Eine christliche Stimme

Dass die Zeit des Karneval in den Rahmen des christlichen Kirchenjahres eingespannt ist, merkt man den Tagen der „verkehrten Welt“ am Rhein, im alemannischen Süddeutschland und der Schweiz, in Venedig oder auch in Rio nicht unmittelbar an. In Köln z.B., einer Hochburg des rheinischen Karnevals, gilt aber nach wie vor das Motto „Fastelovend und Kirche gehören fest zusammen“. Anfang Januar, wenn die „Session“ mit den zahllosen Sitzungen des Saalkarneval beginnt, findet ein festlicher Gottesdienst im Dom statt. Die Karnevalsvereine der Stadt nehmen mit ihren Fahnen und in bunten Kostümen daran teil, und der Domorganist zieht das Register „Loss Jon“ (=lass gehen; los geht‘s) an der Schwalbennestorgel. Dadurch wird ein Mechanismus ausgelöst, der das Karnevalslied „Am Dom zu Kölle“ erklingen lässt und eine Klappe unter dem Pfeifenprospekt öffnet, durch die ein Kopf mit Narrenkappe lugt.

Was aber macht ein Narr im christlichen Gotteshaus; wie gehören Karneval und das Kirchenjahr zusammen? Traditionell verzichteten Christen und Christinnen in den vierzig Tagen vor Ostern auf den Genuss von Fleisch und schränkten auch sonst ihr gewohntes Leben ein. Die Karnevalstage liegen unmittelbar vor dieser auch heute noch so genannten Fastenzeit. An Karneval sagte man gewissermaßen „dem Fleisch Lebwohl“ (carne vale). Nach einer anderen, wohl wissenschaftlich genaueren Erklärung ist Karneval der Moment, wo das „Fleisch weggenommen“ wird (carnis levamen). An Karneval durfte man aber auch die Welt auf den Kopf stellen. Von derartigen Bräuchen haben wir Quellen seit dem Mittelalter. Spott auf die Herrschenden in Staat und Kirche, aber auch auf die oft starren Ordnungen in Gesellschaft und Familie äußerte sich in derben Theaterspielen. Ausgiebig wurde getanzt und dem Alkohol zugesprochen. Es kamen noch einmal fette Speisen auf den Tisch. Von daher stammt die schwäbisch-alemannische Bezeichnung „schmotziger Dunschtig“ / schmalziger Donnerstag für den Donnerstag vor dem Karnevalssonntag. Auch in Venedig kennt man den „giovedi grasso“, den fetten Donnerstag, und im Französischen heißt der letzte Tag der Karnevalszeit „mardi gras“ / fetter Dienstag.

Mit dem Aschermittwoch beginnt die Fastenzeit. Bezeichnungen wie das rheinische „Fastelovend“ (Fast-Abend) oder auch „Fastnacht“ für den Karneval erinnern daran, dass diese tollen Tage eine Art Schwelle oder Übergang darstellen zwischen dem Leben des Alltags und der Zeit der Vorbereitung auf das Fest der Auferstehung Christi. Den Reformatoren des 16. Jahrhunderts ging die verkehrte Welt dieser Tage mit ihren Ausschweifungen zu weit, weswegen sie dagegen predigten. So erklärt es sich, dass Fastnachtsbräuche vor allem in traditionell katholischen Gebieten gepflegt werden. Und manche Karnevalslieder in Köln haben nicht nur allgemein religiöse Themen, sondern greifen tief in das Repertoire spezifisch katholischer Motive. Die Ausgestaltung der „tollen Tage“ hat ihre heutigen Formen allerdings erst ab dem frühen 19. Jahrhundert gewonnen. Der alemannische „Mummenschanz“ mit seinen grotesken Masken und dem unheimlichen Trommeln und Rasseln scheint dabei wohl gegen die feinere, bürgerliche Fastnacht am Rhein wiederbelebt worden zu sein und erinnert eher an das Austreiben der Wintergeister als an christliche Ursprünge.

Fast-Nacht als Bezeichnung der Tage vor der Fasten-Zeit bringt den Karneval in Beziehung zu einer Zeit des bewusst gewählten Verzichts. In der christlichen Tradition wurde dies als sichtbarer und spürbarer Ausdruck einer Gesinnung betrachtet, die sich vor Gott als Sünder sah und Buße tat. Auch heute können Christinnen und Christen diese Zeit individuell nutzen, um ihr Leben, auch und gerade vor Gottes Angesicht, kritisch zu überprüfen und ihm vielleicht neue Ausrichtungen zu geben. In manchen christlichen Gemeinden wird in der Fastenzeit vermehrt ein ökologisches Engagement angestoßen, und der Blick richtet sich verstärkt auf Not und Ungerechtigkeiten vor der eigenen Haustür, aber auch weltweit.

Der Karneval mit seiner Einbindung ins Kirchenjahr lebte lange aus der selbstverständlichen öffentlich-gesellschaftlichen Präsenz des Christentums mit seinen Riten, Bräuchen und Vorschriften. Gegenwärtig hat er sich ein ganzes Stückweit von dieser traditionellen Beziehung abgelöst und steht als Zeit der „verkehrten Welt“ in sich. Wer in ein Kostüm schlüpft, kann neue Rollen, eine neue Haut ausprobieren, die im gewöhnlichen Alltag nicht zum Tragen kommt. Mit ihrer eigenen Dynamik der „tollen Tage“ ist die Karnevalszeit Ausdruck unbändiger Lebensfreude. Dazu kommt ein kritischer Akzent: Narren an den Fürstenhöfen durften und sollten den Herrschenden den Spiegel vorhalten; Narren bei der Büttenrede schonen weder die Einflussreichen in der Politik noch die Würdenträger in den Kirchen. So gesehen hat der Karneval auch utopische Momente: dass das Leben mit seinen oft harten Begrenzungen und Ungerechtigkeiten nicht alles ist; dass die Herrschaft der Herren auch angezweifelt werden kann.

Die feste Einbindung des Karneval ins christliche Kirchenjahr war mitverantwortlich dafür, dass antijüdische Ressentiments gegen das Purimfest nicht nur in der Nazipropaganda, sondern auch auf christlicher Grundlage gedeihen und zum Ausbruch kommen konnten. Die „verkehrte Welt“ hatte sich selbstverständlich nach dem christlichen Festkalender zu richten – und Purim fällt meistens in die Fastenzeit, also die Zeit des christlichen Verbots von Festen, Feiern und Fröhlichkeit. Christen nahmen Anstoß am Tanzabend der Juden zu Purim, und wenn Purim und Karfreitag auf das gleiche Datum fielen, konnten sich die antijüdischen Ausschreitungen der Christen am Tag der Kreuzigung Jesu noch zusätzlich aus der Wut nähren, dass Juden keinen Respekt vor den christlichen Ordnungen kennen. Auch heute ist ein Zusammentreffen von Karfreitag und Purim nicht problemlos: die Bundesrepublik Deutschland kennt gesetzlich verankerte sogenannte „stille Tage“ mit dem Verbot öffentlicher Vergnügungen, Tage, die sich mit Ausnahme des Volkstrauertages ausschließlich am christlichen Kalender orientieren, allen voran der Heilige Abend (24.12.) und der Karfreitag. Im Jahr 2016, als wieder einmal Karfreitag und Purim zusammenfielen, konnte der jüdische Studentenverband München immerhin eine Purimparty organisieren – mit einer Sondergeneh­migung der Stadtverwaltung.

Gegenwärtig wird vielerorts der Karneval als Projekt verstanden, an dem ganz praktisch die Bürgerinnen und Bürger einer Gemeinde oder Stadt zusammen feiern. Im Düsseldorfer Rosenmontagszug 2019 und 2020 fuhr der „Toleranzwagen“ mit, der einen katholischen Pastor, eine evangelische Pfarrerin, einen Rabbiner und einen Imam zeigte, alle mit roter Pappnase und der Geste des „Helau“. Die Ursprungsidee war von der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf ausgegangen.

Prof.Dr. Marie-Theres Wacker, Münster

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