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Sonntagsgottesdienste

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Evangelium und Predigt zum 14. Sonntag des Kirchenjahres

Aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus 11,25-30

25 In jener Zeit sprach Jesus: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du das vor den Weisen und Klugen verborgen und es den Unmündigen offenbart hast. 26 Ja, Vater, so hat es dir gefallen. 27 Alles ist mir von meinem Vater übergeben worden; niemand kennt den Sohn, nur der Vater, und niemand kennt den Vater, nur der Sohn und der, dem es der Sohn offenbaren will. 28 Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid! Ich will euch erquicken. 29 Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig; und ihr werdet Ruhe finden für eure Seele. 30 Denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht.

Liebe Schwestern und Brüder!

Er habe wohl zu viele Philosophen gelesen, um an Gott zu glauben, so war vor einiger Zeit Grünen-Politiker Robert Habeck zu vernehmen. Damit gibt er ein Denken zu erkennen, das in unseren Breitengraden recht weit verbreitet ist: nämlich dass Glauben eher etwas für schlichte Gemüter ist; für die Ungebildeten, die in ihrem Glauben Zuflucht suchen vor einer Welt, der sie nicht gewachsen sind. Der mündige, gebildete Mensch aber, emanzipiert und selbst denkend und für sich entscheidend, braucht keine Religion. Der lebt im Hier und Heute und hält die Unwägbarkeiten und Spannungen unserer Welt einfach aus. Ein paar Philosophen reichen aus.

Wer das heutige Evangelium hört, könnte indes davon ausgehen, dass Jesus ganz ähnlich denkt: „Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du das vor den Weisen und Klugen verborgen und es den Unmündigen offenbart hast.“ Der Christ als Unmündiger, der sich unterscheidet von den Weisen und Klugen. Will das jemand von uns? Unmündiger sein? Nicht klug, nicht weise? Doch wohl kaum. Da unterscheidet sich unser Selbstverständnis doch wohl kaum von dem all jener, die nicht Christen sind. Vielleicht aber sind diese Worte auch ganz anders zu begreifen. Wie ein Bischof einmal sagte: „Jesus wendet sich hier nicht gegen die Gebildeten, sondern gegen die Eingebildeten.“ Er wendet sich gegen all jene, die so hochmütig sind zu glauben, Gott nicht zu brauchen – oder aber die, die so hochmütig sind zu meinen, über Gott nur allzu gut Bescheid zu wissen. Gerade für Theologen und moderne „Schriftgelehrte“ ist das eine besonders eindringliche Warnung.

Warum aber? Zunächst: Wenn Jesus seine Sendung antritt und Menschen fischt, dann wendet er sich erstaunlicherweise nicht zuerst an die Experten, an die Profis, an die Tempelpriester und Schriftgelehrten, sondern an Otto Normalverbraucher: Fischer sind die ersten, die von ihm in die Nachfolge gerufen. Das ist nicht etwa Feigheit vor den Fachleuten - später wird er sich ja ausführlich mit ihnen auseinandersetzen. Nein, er beruft Menschen, die noch zuhören, die noch neugierig und interessiert sind, die im Stande sind, sich von Gott überraschen zu lassen. Menschen, die sich kindliche Neugier bewahrt haben und sich nicht schon in einem festgefügten Gottes- oder Weltbild eingerichtet haben, in dem sie gar nicht mehr gestört werden wollen. Der große christliche Denker und Schriftsteller C.S. Lewis hat in seiner satirischen Meisterwerk „Die große Scheidung“ diese so vielfach zu erlebende Haltung wunderbar aufgegriffen und überspitzt: er erzählt von einem eitlen Theologieprofessor, der ohne es zu bemerken in der Hölle sitzt und dabei mit intellektueller Überlegenheit seinem Nachbarn darlegt, dass es gar keine Hölle geben kann.

Jesus sucht Zuhörer, die sich öffnen und ihm nicht allzu voreingenommen begegnen, er überrascht nicht nur, er provoziert auch und widerspricht sich auch scheinbar häufig. Ist er doch der, der das Gesetz des Alten Bundes verschärft und zugleich selbst bricht, weil er an die Wurzel gehen will; an das, was eigentlich durch das Gesetz erreicht werden will. Ist er doch der, der vor Zorn den Tempel mit der Peitsche „reinigt“ und zugleich die heutigen Worte spricht: „Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid! Ich will euch erquicken. Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig; und ihr werdet Ruhe finden für eure Seele. Denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht.“

Für Jesus – und somit auch für all jene, die zu ihm gehören – ist der Glaube kein systematisches Regelwerk. Er besteht nicht zuallererst in einer Moral oder in einem Regelwerk, dass es peinlichst genau zu erfüllen gilt. Es ist ein lebendiger Glaube, eine Beziehung zueinander, in der Christus das will, was wir auch für die Menschen wollen, die uns wichtig sind: das sie Ruhe finden für ihre Seele. Frieden. Erlösung.

Wir als Christen sollen daher vor allem eines: uns die kindliche Neugier auf ihn zu erhalten und die Fähigkeit, sich jenseits eingetretener Trampelpfade von ihm überraschen zu lassen. Dass wir nicht „eingebildet“ sind, ihn nicht zu brauchen – oder aber ihn allzu gut zu kennen. Denn er ist vielleicht anders, vielleicht sogar ganz anders, als wir erwarten.

Amen.

Pfr. Kirsten Brast