„Ich bin bei euch, alle Tage bis zum Ende der Welt.“
Ein letztes Mal auf den Holzstühlen Platz nehmen. Noch einmal gemeinsam beten, singen und zur Kommunion gehen, bevor sich die Türen für immer schließen. Abschied nehmen, hieß es für die Gottesdienstbesucher der Kirche St. Thomas am vergangenen Sonntag.
Nach mehr als drei Jahrzehnten endete an diesem 25. Januar die Geschichte des Kirchortes Esch der Pfarrei St. Martin Idsteiner Land. Viele Gläubige folgten an diesem wolkenverhangenen Tag der Einladung zum Profanierungsgottesdienst mit dem Generalvikar des Bistums Limburg, Domdekan Dr. Wolfgang Pax.
Unter ihnen waren zahlreiche Besucher, die entweder den Bau bzw. die Weihe der Kirche durch Bischof Dr. Franz Kamphaus im Jahr 1992 miterlebt hatten oder ganz persönliche Erinnerungen mit ihrer Kirche verbinden.
„St. Thomas war für mich mehr als nur ein Arbeitsplatz, ich war nicht nur Sekretärin dort, sondern auch ehrenamtlich als Katechetin für die Erstkommunion, für die Kinderfastnacht und für die Walldürner Pilger tätig. Aber auch als Besucherin war ich gerne in St. Thomas. Ich verbinde damit sowohl private Feiern als auch meine Hilfsbereitschaft, die aufgrund der Nähe zu meinem Zuhause oft gefragt war“, erzählt Wibke Rücker, ehemalige Sekretärin von St. Thomas, seit 2017 im Verwaltungsteam der Pfarrei tätig und seit Kindesbeinen in der katholischen Kirche verwurzelt. Ihre drei Töchter wurden in St. Thomas getauft und haben dort ihre Erstkommunion gefeiert. „Es geht mir doch näher, als gedacht,“ sagt Rücker, der es an diesem Nachmittag erst richtig bewusst wird, dass St. Thomas nun Geschichte ist.
Gemeinsam mit Pfarrer Kirsten Brast und Pfarrer Lars Krüger zelebrierte der Generalvikar Wolfgang Pax den Gottesdienst, der durch Kantor Franz Fink musikalisch begleitet wurde.
Es sei ein trauriger und berührender Tag für die, die mit diesem Gottesdiensthaus ein gutes Stück ihres Glaubensweges verbinden, so Domdekan Pax zu Beginn seiner Predigt. Im Folgenden ging er auf die Bedeutung von St. Thomas ein, dass die darin abgehaltenen Gottesdienste für Menschen in irgendeiner Weise Zuversicht, Kraft, Freude, Trost, Glaubensstärke und vieles andere mehr dargestellt haben. Er erläutert, dass der christliche Glaube nicht an einen Ort gebunden sei und verweist auf Jesus, der ständig unterwegs war. Er spricht in seiner Predigt auch die Veränderung der Glaubenslandschaft an, die Säkularisierung. „Viele Menschen binden ihren Glauben nicht mehr an das Christentum und nicht mehr an die kirchlichen Ausdrucksformen.“ Zum Schluss bekräftigt er, der Abschied ende mit einem Versprechen für die Ewigkeit: „Ich bin bei euch, alle Tage bis zum Ende der Welt."… Ihr Glaube, unser Glaube wird auch in Zukunft seine Orte finden ... Wie wir das Leben gestalten, hat seine jeweilige Zeit. Absolut stabil, absolut verlässlich ist das Versprechen, nie vom menschgewordenen Gott verlassen zu sein, gleich wo unser Glaube seine Orte findet.“
Zum Ende des Gottesdienstes fand die eigentliche Profanierung statt. Mit Verlesung des Profanierungsdekretes durch den Generalvikar Pax, die Entfernung der Reliquien aus dem Altar, die Überreichung der Osterkerze, das Entfernen des Allerheiligsten aus dem Tabernakel und die Löschung des ewigen Lichtes hört die Kirche St. Thomas auf, eine Kirche zu sein. Ein bewegender Prozess der für Viele schmerzhaft war, denn eine Kirche ist mehr als ein Gebäude, sie ist Treffpunkt der Gläubigen, religiöse Heimat und steht für den Glauben selbst.
Pfarrer Brast nimmt im gemeinsamen Gebet mit den Gottesdienstbesuchern Abschied von der Kirche St. Thomas: „Herr, unser Gott, du Hirte deines Volkes, wir nehmen Abschied von dieser Kirche, die uns und vielen vor uns religiöse Heimat war. Sie war Mitte des Gemeindelebens, das Gotteshaus, in dem wir in Liturgie und Gebet deine Nähe gesucht und gefunden haben. Hier wurden Menschen im Sakrament der Taufe zu Gliedern am Leib Christi. Hier haben sie in der Firmung die Gabe des Heiligen Geistes empfangen. Hier hast du durch den Dienst der Kirche Schuld vergeben und Kranke wie Trauernde aufgerichtet. Hier haben Brautleute sich ihr Jawort gegeben und deinen Segen empfangen. Jung und Alt haben hier deine Frohe Botschaft gehört. An diesem Altar haben wir immer wieder den Tod und die Auferstehung deines Sohnes Jesus Christus gefeiert. Die Gemeinschaft mit ihm und untereinander wurde hier erneuert und vertieft. Dieses Bauwerk war für uns ein steinernes Zeugnis unseres Glaubens und eine fortwährende Erinnerung an deine Nähe. So spüren wir in dieser Stunde den Verlust und auch Trauer, wenn wir auf all das Gute schauen, das wir hier erfahren haben."
Ein Umtrunk schloss sich dem Auszug aus der Kirche an und bot Gelegenheit ins Gespräch zu kommen. Es wurden Erinnerungen ausgetauscht, es wurde aber auch über die weitere Nutzung des Gebäudes diskutiert. Laut den Verantwortlichen ist derzeit aber weder Zeitpunkt bzw. Prozess des Verkaufs noch die Weiterverwendung entschieden, da die internen Gespräche weiter andauern.
Impressionen:
Bildergalerie
Info:
Dass die Profanierung der Kirche St. Thomas bevorsteht, ist seit geraumer Zeit bekannt. Bereits 2023 wurden die Gemeindemitglieder und die Öffentlichkeit über die Schließung des Kirchortes Esch informiert. Sie folgt aus der Kirchlichen Immobilienstrategie (KIS) des Bistums Limburg. Aufgrund des deutlichen Rückgangs der Mitgliederzahlen, bedingt durch den demographischen Wandel und viele Kirchenaustritte, reduziert das Bistum seine Gebäude und somit auch die der Kirchorte. Um die pastorale Arbeit wie auch die finanziellen Möglichkeiten der Kirchengemeinde St. Martin Idsteiner Land weiter zu gewährleisten, wurde 2022 ein Arbeitskreis innerhalb der Pfarrei gebildet, der alle Immobilien auf den Prüfstand stellte und unter anderem die Aufgabe des Kirchortes Esch vorschlug. Der multifunktionale Bau sollte ein neuer Bezugspunkt für Gläubige in der Gemeinde Waldems werden. Bei der Pfarreigründung der Katholischen Pfarrei St. Martin Idsteiner Land im Jahr 2017 wurde die Kirche St. Thomas als eine von sechs Kirchen bzw. Kirchorten in die neue Pfarrei integriert.